Prinzipienerklärung der Anarchistischen Gruppe Östliches Ruhrgebiet AGÖR

Anmerkung: Unsere Prinzipienerklärung wollen wir ständig erweitern und aktualisieren sie stellt lediglich den aktuellen Stand der Gruppe dar, für Anregungen und Kritik sind wir jederzeit offen. Persönlich könnt ihr das am besten bei unserem Schwarzem Tresen der jeden letzten Freitag im Monat im Trotz Allem in Witten stattfindet.

Die Anarchistische Gruppe Östliches Ruhrgebiet versteht sich als ein Teil der Anarchistischen Föderation Rhein/Ruhr, und wir wollen helfen der Föderation und der anarchistischen Bewegung im RheinRuhrGebiet Struktur, Dynamik und Energie zu geben.

Wer wir sind und was wir wollen

Es gibt gemeinsame Ideen, Ziele, Träume, klare Vorstellungen, die uns verbinden und genauso viele Unterschiede und Differenzen, die uns ebenfalls verbinden. Wir wissen, dass wir in vielen Punkten unseren eigenen Idealen nicht entsprechen, uns oftmals nicht so verhalten, wie wir es von uns selbst und anderen erwarten. Wir sind geformt von dieser Gesellschaft und unser Verhalten ist geprägt durch unsere Sozialisierung. Trotzdem sind wir Freigeister und hinterfragen uns und unsere Mitwelt. Wir wollen uns und diese Gesellschaft durch unsere eigene Veränderung, durch anarchistische Theorie und Praxis und durch den Kampf gegen Ausbeutung und Herrschaft von Menschen durch Menschen verändern. Wir streben eine herrschaftsfreie Gesellschaft nach der Idee des Anarchismus an.

Wir haben es satt, immer nur von den Abartigkeiten dieses herrschafts Systems zu sprechen. Wir haben es satt, die Abschaffung jeder Herrschaft nur zu fordern und die Forderung auf Transparente zu schreiben. Wir treten an, Strukturen aufzubauen die stark genug werden können, ihren Teil zur Abschaffung jeglicher Herrschaft beizutragen. Wir wollen heute schon mit unserer Arbeit dieses System treffen. So treffen, dass wir nachhaltig Spuren hinterlassen. Anarchistische Spuren, die nicht mehr zu verwischen sind und die diejenigen finden werden, die ähnlich denken wie wir und den Kampf weiterführen und zu Ende bringen werden.

Uns verbindet der Gedanke, dass die Anarchie nicht nur eine utopische Idee für Träumende, sondern eine echte, notwendige und längst überfällige Alternative zu den uns bekannten Gesellschaftssystemen darstellt. Der Anarchismus ist die notwendige Grundlage sowohl für die Lösung der uns bekannten aktuellen Probleme einer globalisierten kapitalistischen Welt, wie Verteilungskriege, Armut, Ausbeutung, Umweltzerstörung, als auch für die Lösung unserer eigenen ganz nahen Problemen, wie Verarmung durch Arbeitslosigkeit, unsichere Lebensverhältnisse und Verschuldung.

Wir sind überzeugt, dass nach heutigem Stand von Wissen und technischen Möglichkeiten alle Menschen, überall an jedem Ort, in Wohlstand leben können. Wobei für uns die Kontrollierbarkeit und die Sicherheit, dass weder Mensch, Tier und Umwelt Schaden nehmen, die Voraussetzung für den Einsatz jedweder Technologie darstellt.
Die herrschaftlichen Eigentumsverhältnisse, Machtinteressen, Manipulationsmechanismen und unsere Ängste stehen dem im Wege.

Deshalb verbindet uns auch unser Zorn. Der Zorn auf diese Systeme und ihre Eliten, die uns am Leben hindern und enormen Reichtum und Macht auf Kosten vieler an wenige verteilen.
Unseren Zorn wandeln wir in Kraft, Mut und Spaß an dem und für den Einsatz für eine anarchische Gesellschaft.

Allerdings funktioniert das kapitalistische System nicht nur durch organisierte Herrschaft sondern auch durch unsere Passivität und Reproduktion der bestehenden Verhältnisse.

Ebenso wie die Anarchistische Föderation Rhein/Ruhr soll die Anarchistische Gruppe Östliches Ruhrgebiet Raum geben für einen Kampf für eine herrschaftsfreie, anarchische Gesellschaft.
Dieser Kampf soll so effektiv wie möglich geführt werden und dafür ist ein hoher Grad an Organisierung nötig.

Ziele, Aktionsformen und Selbstverständnis der Gruppe

Die AGÖR setzt sich folgende Ziele:
1. Die anarchistische Idee zu verbreiten
2. Die Organisierung libertärer, anarchistischer Menschen zu ermöglichen und zuverlässige
und funktionierende Strukturen aufzubauen
3. Am Aufbau eine starken anarchistischen Bewegung mitzuarbeiten
4. Auseinandersetzungen und Kämpfe für eine anarchische Gesellschaft zu organisieren und
durchzuführen
5. Teilnahme an aktuellen sozialen Kämpfen
6. Den Versuch, anarchistische Ideale schon jetzt zu leben und nicht auf ein „Paradies“ zu
warten

Die AGÖR soll eine wachsende Gruppe sein, die Ihren Teil zur Bildung und Stärkung größerer organisatorischer Strukturen beiträgt. Wie die Programmatik und Struktur sollte auch die Praxis nicht beliebig, aber offen und veränderbar sein. Trotz der Offenheit der Gruppe sollte es möglich bleiben, Praxisformen zu entwickeln, die Leute beteiligen und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, die kollektive Regelbrüche beinhalten. Die Praxis und die direkten Aktionen sollten sich eher an unseren Strategien und unserer Definition der natürlichen Unmöglichkeiten als an einer unbedingten Legalität orientieren. Gezielte und strategisch motivierte subversive Grenzüberschreitungen sollen zu unserer politischen Praxis genauso gehören wie sämtliche andere Formen des Widerstandes und der Agitation.

Unsere Arbeit, unsere Persönlichkeiten und unser Umgang mit anderen Menschen sollten sich immer auf gegenseitige Hilfe, Toleranz und Herzensbildung begründen. Wir tolerieren bei uns und anderen die Unvollkommenheit und die Prägung durch dieses System und unsere Sozialisierung in den jeweiligen Lebenssituationen. Wir akzeptieren keine faschistoiden und totalitären Tendenzen und keine Grundhaltung, die nur den eigenen Vorteil sucht, und das eigene Glück über das Anderer stellt. Wir sind überzeugt, dass die eigene Freiheit und das persönliche Glück nur durch gegenseitige Hilfe und den Respekt der Freiheiten anderer möglich sind.
Diese Grundhaltung und diese Herzensbildung müssen sich auch in unseren Aktionsformen ausdrücken. Wir sind davon überzeugt, dass es keine beste Art der Auseinandersetzung gibt. Es ist das Zusammenspiel unterschiedlicher Aktionen zu dem jeweils richtigen Zeitpunkt, das zum Erfolg führt. Unsere Mittel, Kampf- und Ausdrucksformen sollen verständlich, motivierend und effektiv sein. Kreativität, Humor und Sympathie sind ebenso wichtige Elemente wie Entschlossenheit und Ungehorsam. Dabei erweitern wir den Kampfbegriff um alle Formen, die dazu führen, dass sich herrschaftsfreie Strukturen herausbilden. Das können Betriebe sein, die kollektiv geführt werden; politische Gruppen, die hierarchiefrei arbeiten; Lebenszusammenhänge, die sich selbst organisieren. Dabei gilt immer, dass jede_r für sich selbst entscheidet welche Form er/_/sie wählt.

Innerhalb der Gruppe soll es ein Selbstverständnis darüber geben, dass wir alle durch die bestehenden Herrschaftsverhältnisse geprägt sind und diese reproduzieren. Es soll innerhalb der Gruppe klar sein, sich selbst zu hinterfragen und nach den Ursachen und Auswirkungen unserer durch dieses System geprägten Verhaltensweisen zu suchen und diese zu ändern. Gemeint ist der eigene Rassismus, unsere Gewalttätigkeit, unsere Gleichgültigkeiten, unseren Chauvinismus, unsere Verwertungstendenzen.

Gruppenintern sollen patriarchale Strukturen benannt und bekämpft werden. Geschlechtszuschreibungen und -stereotype zu überwinden, soll die Praxis nach innen und außen prägen. Aus dieser Perspektive soll die gruppeninterne Kommunikation und Arbeitsweise reflektiert werden und es soll permanent daran gearbeitet werden, Hierarchien und dominantes Verhalten zu problematisieren und abzubauen.

Die Abschaffung des Kapitalismus beinhaltet für uns nicht automatisch die Überwindung patriarchaler Strukturen und Diskriminierungen aufgrund der unterschiedlichen Rollenverteilung der Geschlechter. Patriarchat und Sexismus sehen wir nicht als einen Nebenwiderspruch der sich nach dem Ende des Kapitalismus und auch nicht in einer anarchistischen Gesellschaft sozusagen von selbst verabschiedet.

Die unterschiedlichen sozialen Rollen und die Hierarchie der Geschlechter sind Ausdruck patriarchaler Unterdrückung. Patriarchale Unterdrückungsmechanismen wirken in der gesamten Bandbreite von versteckter, unterschwelliger und teilweise unbewusster Methodik bis hin zu brutaler Gewalt.

Wir wollen individuell und innerhalb der Gruppe diese Mechanismen und Verhaltensweisen erkennen und aufbrechen.
Deshalb will sich die Gruppe aktiv am Gender-Diskurs beteiligen und sich nicht auf reine Theorie und auf die Ansammlung von Wissen beschränken. Wir wollen intensiv an der Debatte teilnehmen und uns selbst dabei verändern.

Wir akzeptieren keinerlei patriarchales Verhalten und keine sexistischen und rassistischen Handlungen.

Die Gruppe soll den Avantgardismus politischer Gruppen überwinden und zwar mit der nötigen Vorsicht, aber einladend auf neue interessierte Menschen zugehen. Die Gruppe soll die identitäre Selbstbezogenheit vieler linker Ansätze aufbrechen.

Die Struktur der Gruppe soll eine Verbindlichkeit aufbauen, die es ermöglicht, innerhalb der Gruppe eine tatsächliche „politische Heimat“ zu finden. Unabhängig von Alter, Beruf, familiären Verpflichtungen usw. soll die Gruppe gleichberechtigt Raum zur Mitarbeit geben. Eines der wichtigsten Ziele der Gruppe soll es sein, Kontinuität und gelebte Solidarität zu praktizieren. Bewusste und unbewusste Hierarchien sollen erkannt, analysiert und bekämpft werden.

Die Gruppe soll auch Menschen zusammenzubringen, die zwar Herrschaftsfreiheit wollen, aber bisher kaum Chancen sehen, politisch entsprechend wirken zu können. Diese Lücke gilt es zu schließen, um darüber hinaus andere, auch hierarchisch verhaftete Menschen zu inspirieren. Die Gruppe sollte auch denen eine Möglichkeit der Mitarbeit und vielleicht auch Politisierung geben, die bisher noch nicht in unsere Bewegung oder Gruppen einbezogen sind. Das heißt, die Gruppe muss die Balance zwischen Handlungsfähigkeit und offene Struktur halten.

Ziele, Wege, Strategie

Gesamtheitlicher Ansatz

Ein wichtiger Punkt der Gruppe soll es sein, eine „Ein-Punkt-Politik“ und strategielose Kampagnen zu vermeiden. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor liegt aus unserer Sicht im folgenden strategischen Konzept.

Hauptziel:
Errichtung einer herrschaftsfreien, also anarchischen Gesellschaft

Unterziel:
Stärkung und Ausbau der anarchistischen Bewegung im Ruhrgebiet und darüber hinaus

Anarchistische Klärung
Die anarchistische Idee verbreiten

Was ist überhaupt Anarchie – und wie unterscheidet sie sich von Regellosigkeit und Chaos?
Ein Ziel der Gruppe ist es, mit den unterschiedlichsten Medien zu erklären, was Anarchie ist und mit allen Vorurteilen aufzuräumen. Diese Klärung wollen wir einer breiten Öffentlichkeit zugängig machen. Dazu gehören auch Bildungsveranstaltungen, Workshops, Vorträge usw.

Anarchistische Kritik/Analyse

Analyse der bestehenden Verhältnisse, Analyse der aktuellen Kämpfe und gesellschaftlichen Entwicklungen: Dazu gehören sowohl gesamtgesellschaftliche weltweite Entwicklungen wie auch greifbare lokale aktuelle Ereignisse.
Das bedeutet den fundierten Entwurf einer Gesellschaftskritik aus zeitgemäßer anarchistischer Sicht und den Entwurf einer Alternative.

Anarchistische Kultur

Kultur dient uns als Ausdrucksmittel eines freiheitlichen Lebensgefühls und kann gesellschaftliche Konflikte darstellen und zur öffentlichen Diskussion anregen.
Konkret sollen Konzerte und Partys organisiert, Theaterstücke und Filme vorgeführt und Netzwerke mit unterschiedlichsten Kunstschaffenden aufgebaut werden. Es sollen weitere Formen der Förderung und Verbreitung von anarchistischer Kunst und Kultur entwickelt werden.

Anarchistischer Kurzschluss

Es soll die Zusammenarbeit und der Austausch von Informationen und materiellen Ressourcen mit anarchistischen, undogmatischen linksradikalen und basisdemokratischen Gruppen und Einzelpersonen auch weltweit gefördert und unterstützt werden.

Direkte Aktion / Praxis

Die Gruppe soll sich phantasie- und kraftvoll an den aktuellen Widerstandskämpfen beteiligen und diese mitgestalten. Der Gruppe soll auch ein interventionistisches Politikverständnis zu Grunde liegen. Das heißt, dass die Gruppe in gesellschaftliche Konflikte eingreift und sich in soziale Bewegungen und Selbstorganisationsprozesse einbringen soll, auch wenn diese erst einmal nicht unserem revolutionären Selbstverständnis entsprechen. Die Grenzen liegen in den reformistischen und/oder reaktionären Forderungen, die im Gegensatz zu unseren anarchistischen Zielen liegen, und zum Teil ein revolutionäres Denken und Handeln unterdrücken. Hier muss in Einzelfällen analysiert und entschieden werden.
Die Veränderung der Realität soll nicht auf eine ferne, ungewisse Zukunft – “nach der Revolution” – vertagt werden. Es gilt auch im Hier und Jetzt Errungenschaften zu verteidigen und Freiräume zu erkämpfen, wobei deutlich ein strategischer Ansatz im Vordergrund stehen sollte.
Auch nach unserer Überzeugung kann Antikapitalismus nicht nur im luftleeren Raum als „abstrakte“ Kritik stattfinden, sondern muss in sozialen Bewegungen und konkreten Kämpfen erfahrbar werden. Ohne die Momente, in denen Menschen ihrer Wut gegen die kapitalistische Verwertungslogik Ausdruck verleihen und ihnen kurzzeitig vorstellbar wird, wie ein Leben ohne Herrschaft aussehen könnte, bleibt Antikapitalismus nur ein theoretisches Konzept. Es sind die Aufhebungen der bestehenden Ordnung bei Aufständen, die gemeinsamen Nächte auf den Barrikaden während eines Castor-Transportes oder am Eingangstor einer besetzten Fabrik, die erst die Möglichkeiten organisierter Gegenwehr bewusst machen.
Dabei ist ein wichtiger Punkt, den strategischen Ansatz nicht gegen eine subkulturelle Selbstbezogenheit zu verkaufen. Unser Kampf soll nicht Selbstzweck werden, den sich ohnehin nur privilegierte Bewegungen oder Gruppen leisten können.
Zur Praxis zählen wir auch den Aufbau von Strukturen, z.B. ein aktuelles Infotelefon, welches so oft wie möglich über die aktuellen Ereignisse in der Region und überregional und über die Gruppe informiert. Eine Website mit Ticker und aktuellen Meldungen. Ein Café und Räume für spontane Treffen usw.

Wir rufen Euch auf, mitzumachen, euch an den Kämpfen zu beteiligen, aber auch die AGÖR mitzugestalten!

Herrschaft überwinden! Die Anarchistische Zukunft bauen.

AGÖR