AGDo: Diskussionsbeitrag zur Situation im Nahen Osten

[Foto: Junge spielt Gitarre auf Trümmern]

Bei der erneuten Eskalation des Nahostkonflikts in den vergangenen Wochen zeigt sich einmal mehr ein gängiges Muster: Die Mehrheit der Israelis und Palästinenser*innen prangern voll Wut die Untaten der jeweils anderen Seite an – und identifizieren sich dabei umso mehr mit der eigenen Führung, deren Zwangsmaßnahmen und Lügen sie bereitwillig akzeptieren. Leider übernehmen die auswärtigen „Solidaritätsbewegungen“ für Palästina bzw. Israel meist deren jeweilige Sichtweise; grundsätzliche Kritik an jeder Herrschaft suchen wir auch hier vergeblich.

In diesem Zusammenhang wollen wir auf einen bemerkenswerten Text aufmerksam machen, der bereits 2011 veröffentlicht wurde: Das Manifest der Gruppe Gaza Youth Breaks Out. In diesem von einem Freundeskreis junger Palästinenser*innen verfassten Aufruf kommt in sehr emotionalen Worten die Verzweiflung über den Alltag in Gaza, sowie der ungebrochene Lebens- und Freiheitswillen der Autor*innen zum Ausdruck. Vor allem aber schreien die Verfasser*innen ihre Wut über alle an dem Konflikt beteiligten Mächte heraus. Sie nehmen insbesondere bei ihrer Kritik an der radikalislamischen Hamas kein Blatt vor den Mund.

Diese für palästinensische Verhältnisse sehr außergewöhnliche Perspektive hätte ein Ausgangspunkt für eine Überwindung der dortigen Misere sein können, die nur durch einen gemeinsamen Kampf aller Unterdrückten in der Region und darüber hinaus erreicht werden kann. Als Anarchist*innen schlagen wir die Keinstaatenlösung (nicht nur) das Nahostkonflikts vor: Nur durch die Abschaffung aller Herrschaftsapparate und der von ihnen gestützten Eigentumsverhältnisse kann eine Gesellschaft entstehen, in der Rassismus und Antisemitismus keinen Platz haben und Menschen jeder Herkunft ohne Angst zusammen leben können. Es ist dabei klar, dass eine solche gesellschaftliche Veränderung nicht im Nahen Osten allein, sondern nur als weltweite Bewegung erfolgreich sein könnte. Ihr findet das utopisch? Ihr findet, dass es zur Zeit keine zufriedenstellende Lösung für den Konflikt gibt? Vielleicht. Aber haben nicht die letzten 50 Jahre zur Genüge gezeigt, dass ein dauerhafter Frieden im Nahen Osten unter den bestehenden Bedingungen noch viel utopischer ist?

Leider hat Gaza Youth Breaks Out ihre sympathische fuck-everything-Attitüde nicht durchhalten können. Nach der Veröffentlichung ihres Manifests war die Gruppe einiger Repression ausgesetzt. Mehrere ihrer Mitglieder verbrachten viele Tage in den Gefängniszellen der Hamas. Zugleich blieben die jungen Aktivist*innen trotz Tausender Facebook-likes isoliert: Eine Massenbewegung gegen die palästinensischen Autoritäten kam nicht zustande. Angesichts dessen schwächte die Gruppe ihre Kritik an der eigenen Führung immer mehr ab und beeilte sich zu erklären, dass der Hauptfeind selbstverständlich Israel sei. Heute wird auf der Facebook-Seite von GYBO von „Israelnazis“ gefaselt, kritische Worte gegenüber der Hamas kommen dagegen nicht mehr vor. Die Gruppe ist einfach Teil der palästinensischen Nationalpropaganda geworden.

Dennoch gehört ihr Gründungsmanifest mit zum Subversivsten, was wir seit Langem aus dieser Region gehört haben. Die dort beschriebenen Verhältnisse bestehen weiterhin fort; wenn überhaupt, so haben sie sich noch verschlimmert. Im Folgenden dokumentieren wir den Text im Wortlaut.

Einige Leute aus der Anarchistischen Gruppe Dortmund, im Juni 2018

(Anmerkung: Wir haben in der Gruppe sowohl über das Manifest als auch über unsere einleitenden Worte kontrovers diskutiert und sind zu keiner Einigung gekommen. Die Veröffentlichung von beidem stellt daher keine Gruppenposition dar.)

Die Jugend von Gaza bricht aus – Manifest

Fuck Israel, fuck Hamas, fuck Fatah. Fuck UN. Fuck UNWRA. Fuck USA! Wir, die Jugendlichen in Gaza, haben die Schnauze voll von Israel, der Hamas, der Besatzung, den Menschenrechtsverletzungen und der Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft! Wir wollen schreien und diese Mauer des Schweigens, der Ungerechtigkeit und des Desinteresses brechen, wie eine israelische F16 die Schallmauer durchbricht. Wir wollen mit aller Kraft unserer Seelen schreien, um den enormen Frust über diese verfickte Situation herauszulassen, der uns auffrisst. Wir sind wie Läuse zwischen zwei Nägeln, die einen Alptraum in einem Alptraum erleben, ohne Raum für Hoffnung, ohne Raum für Freiheit. Wir haben genug von der politischen Auseinandersetzung, in der wir gefangen sind, genug von stockfinsteren Nächten mit Flugzeugen, die über unseren Häusern kreisen; genug von unschuldigen Bauern, die in der Pufferzone erschossen werden, weil sie sich um ihre Felder kümmern. Wir haben genug von bärtigen Typen, die mit ihren Pistolen herumlaufen und ihre Macht missbrauchen, die junge Leute zusammenschlagen und einsperren, weil sie für das demonstrieren, woran sie glauben. Wir haben genug von der Mauer der Schande, die uns vom Rest unseres Landes trennt und uns in einem Stück Land in Briefmarkengröße festhält. Wir haben genug davon, als Terroristen dargestellt zu werden, als hausgemachte Fanatiker mit Sprengstoff in den Taschen und Hass in den Augen; genug von der Abgestumpftheit, mit der uns die internationale Gemeinschaft begegnet, die so genannten Experten im Besorgnis Äußern und im Verfassen von Resolutionen, die aber Feiglinge sind, wenn es darum geht, irgend etwas durchzusetzen, dem sie zugestimmt haben. Wir haben genug und sind es leid, ein beschissenes Leben zu führen, von Israel gefangen gehalten, von der Hamas geschlagen und vom Rest der Welt ignoriert zu werden.

Eine Revolution wächst in uns heran, eine immense Unzufriedenheit und Frustration, die uns zerstören wird, wenn wir keinen Weg finden, diese Energie in etwas umzulenken, das den bestehenden Zustand in Frage stellt und uns irgend eine Art von Hoffnung gibt. Der letzte Tropfen, der unsere Herzen vor Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit erzittern ließ, fiel am 30. November, als Hamas-Polizisten mit ihren Pistolen, Lügen und ihrer Aggressivität ins Sharek Youth Forum (www.sharek.ps) kamen, einer führenden Jugendorganisation, und alle herauswarfen, einige verhafteten und Sharek verboten, weiter zu arbeiten. Einige Tage später wurden Demonstranten vor dem Sharek-Gebäude zusammengeschlagen und einige festgenommen. Wir leben wirklich in einem Alptraum in einem Alptraum. Es ist schwierig, Worte für den Druck zu finden, unter dem wir stehen. Wir haben kaum die Operation „Gegossenes Blei“ überlebt, bei der Israel sehr effektiv die Scheiße aus uns herausgebombt hat und Tausende von Häusern und noch mehr Leben und Träume zerstörte. Sie wurden die Hamas nicht los, wie sie es sich erhofft hatten, aber sie haben uns mit Sicherheit für immer Angst eingejagt und alle mit posttraumatischen Stresssymptomen versorgt, da wir nirgendwohin abhauen konnten.

Wir sind Jugendliche mit schweren Herzen. Wir tragen in uns eine so große Schwere, dass es uns schwer fällt, den Sonnenuntergang zu genießen. Wie sollten wir auch, wenn Dunkelheit den Horizont verhüllt und düstere Erinnerungen an unseren Augen vorbeiziehen, wann immer wir sie schließen? Wir lächeln, um den Schmerz zu verbergen. Wir hoffen, um nicht hier und jetzt Selbstmord zu begehen. Während des Krieges bekamen wir das untrügliche Gefühl, dass Israel uns vom Erdboden tilgen wollte. Während der letzten Jahre tat die Hamas alles, um unsere Gedanken, unser Verhalten und unsere Sehnsüchte zu kontrollieren. Wir sind eine Generation von Jugendlichen, die daran gewöhnt sind, mit Raketenangriffen konfrontiert zu sein und die die scheinbar unmögliche Aufgabe mit sich trägt, ein normales und gesundes Leben zu führen. Wir werden kaum toleriert von einer riesigen Organisation, die sich in unserer Gesellschaft ausgebreitet hat wie eine bösartige Krebserkrankung, die Verstümmelungen bewirkt und erfolgreich alle lebendigen Zellen, alle Gedanken und Träume tötet, die ihr im Weg stehen und die die Leute durch ihre Schreckensherrschaft lähmt. Ganz zu schweigen von dem Gefängnis, in dem wir leben, ein Gefängnis, das von einem so genannten demokratischen Staat aufrecht erhalten wird.

Die Geschichte wiederholt sich auf grausamste Weise und niemand scheint es zu interessieren. Wir haben Angst. Hier in Gaza haben wir Angst, verhaftet, verhört, geschlagen, gefoltert, bombardiert und getötet zu werden. Wir haben Angst zu leben, weil jeder einzelne Schritt, den wir gehen, abgewogen und wohl überlegt sein muss. Es gibt überall Beschränkungen, wir können uns nicht bewegen, wie wir wollen, sagen, was wir wollen, tun, was wir wollen und manchmal nicht einmal denken, was wir wollen, weil die Besatzung unsere Hirne und Herzen so schrecklich besetzt hat, das es weh tut und wir endlose Tränen der Verzweiflung und Wut vergießen wollen!

Wir wollen nicht hassen, wir wollen all diese Gefühle nicht fühlen, wir wollen keine Opfer mehr sein. GENUG! Genug Schmerz, genug Tränen, genug Leiden, genug Kontrolle, Beschränkungen, ungerechte Rechtfertigungen, Terror, Folter, Entschuldigungen, Bombardierungen, schlaflose Nächte, tote Zivilisten, schwarze Erinnerungen, düstere Zukunft, herzzerreißende Gegenwart, verwirrte Politik, fanatische Politiker, religiöser Bullshit, genug Einkerkerung! WIR SAGEN STOPP! Das ist nicht die Zukunft, die wir wollen!

Wir wollen drei Dinge. Wir wollen frei sein. Wir wollen in der Lage sein, ein normales Leben zu führen. Wir wollen Frieden. Ist das zu viel verlangt? Wir sind eine Friedensbewegung, bestehend aus jungen Leuten in Gaza und Unterstützern von anderswo und wir werden nicht ruhen, ehe die Wahrheit über Gaza jedem auf dieser Welt in einem Maße bekannt ist, dass stillschweigende Zustimmung oder laute Gleichgültigkeit nicht mehr akzeptiert werden.

Dies ist das Manifest der Jugend von Gaza für Veränderung!

Wir werden damit beginnen, die Besatzung zu zerstören, die uns selbst umgibt, wir werden aus dieser geistigen Gefangenschaft ausbrechen und unsere Würde und unsere Selbstachtung wiedergewinnen. Wir werden erhobenen Hauptes vorangehen, auch wenn wir auf Widerstand stoßen. Wir werden Tag und Nacht daran arbeiten, diese miserablen Bedingungen zu verändern, unter denen wir leben. Wir werden Träume errichten, wo wir auf Mauern stoßen.

Wir hoffen nur, dass Du – ja Du, der diese Erklärung jetzt liest! – uns unterstützen kannst. Um herauszufinden wie, schreib bitte an unsere Wand oder kontaktiere uns direkt: freegazayouth@hotmail.com

Wir wollen frei sein, wir wollen leben, wir wollen Frieden.

Befreit die Jugend von Gaza!

(Quelle des englischen Originals: gazaybo.wordpress.com/manifesto-0-1/)


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